Hortus PAGSis – ein Volltreffer!

Hortus Pagsis – Garten des Lebens

 

An der Pater-Alois-Grimm-Schule in Külsheim haben Lehrkräfte, Schüler*innen und Eltern einen Naturerlebnisgarten geschaffen, der Raum zum Lernen und Feiern bietet. Was er darüber hinaus bewirkt, erfahren wir beim Besuch vor Ort.

 

An diesem Morgen im Februar pfeift der Wind kalt um die Ecken der Pater-Alois-Grimm Gemeinschaftsschule. „Sie sind ja jetzt auch in Külsheim“, sagt die Sekretärin Helga Schmitt zur Begrüßung und strahlt. Wir wollen mehr über den Schulgarten „Hortus Pagsis“ erfahren, für den die Gemeinschaftsschule bereits mehrfach ausgezeichnet wurde: 2019 gab es beispielsweise den zweiten Platz beim bundesweiten Schülerwettbewerb „ECHT KUH-L!“ vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Unter dem Motto „Ackern für die Vielfalt: Teamarbeit in und mit der Natur“ beschäftigten sich die Kinder und Jugendlichen mit der biologischen Vielfalt und Partnerschaften in der Natur. Außerdem erhielt der Schulgarten die Auszeichnung als offizielles Projekt der „UN-Dekade Biologische Vielfalt“. Diese Auszeichnung wird Projekten verliehen, die mit ihren Aktivitäten darauf aufmerksam machen, welche Chancen die Natur für den sozialen Zusammenhalt bietet. Außerdem stellte sich Hortus Pagsis auf dem Bundesschulgartenkonkress im Rahmen der Bundesgartenschau in Heilbronn vor. Mit so viel Rückenwind hat sich die Schule, die Udo Müller seit 2015 leitet, nun für den Deutschen Klimapreis beworben.

 

Doch vor Ruhm und Ehre standen erst einmal viel Schweiß und Arbeit für alle Beteiligten an. Klar war, dass kein Gemüsegärtchen entstehen sollte, sondern ein Naturerlebnisgarten. „Das haben sich die meisten Kinder und Jugendlichen gewünscht. Sie wollten einen Garten mit vielen unterschiedlichen Pflanzen, Insekten und Tieren, die sie beobachten können. Und es sollte außerdem ein Garten zum Lernen und Feiern sein“, berichtet Initiator Rainer Häffner, der bis vor zwei Jahren Lehrer an der Gemeinschaftsschule war und nun als Pensionär das Projekt unterstützt. Sie entschieden sich für einen Drei-Zonen-Garten nach den Prinzipien und Ideen von Markus Gastl.

 

Mehr Zeit als geplant

 

Im Herbst 2014 ging es los und die Pläne für den Garten wurden gemeinsam mit Schüler*innen verschiedener Klassen realisiert. Zwar langsamer als gedacht, aber das tat dem Elan und der Begeisterung keinen Abbruch. Im Gegenteil. „Wir sahen das als gewinnbringend an, denn im Prozess änderten sich unsere Pläne und wir wurden immer zufriedener mit unserem Produkt“, erinnert sich Häffner. Aus dem vorgesehenen einen Jahr wurden zwei Jahre.

 

Wie aus dem Brachland direkt hinter der Schule ein idyllischer Rückzugsort wurde, wissen Julian, Paul und Hendrik noch genau. Die Jungen waren von Anfang an begeistert mit dabei und sind es heute noch. Der Hortus Pagsis ist ihr Garten. „Als erstes haben wir die Disteln aus der Erde gezogen“, schildert Paul, der heute in der 10. Klasse ist. Nachdem das Gelände grob terrassiert war, legten sie einen Steingarten an. „Ob Ziegel, Schotter, Steine oder Totholz: Alles bietet einen Lebensraum“, erzählt Julian, ebenfalls in der 10. Klasse, auf dem Rundgang durch den Garten. Neben dem Steingarten schufen sie einen Bereich zum Lernen und Feiern, mit Backofen, Grillhütte, Feuerstelle, Tischen und Bänken. Dafür mussten sie große Steine bewegen, was Häffner eine gute Gelegenheit bot, einen Blick darauf zu werfen, wie die Ägypter ihre Pyramiden gebaut haben. „So konnten die Schüler*innen einen ganz neuen Bezug dazu herstellen“, gibt Häffner Auskunft.

 

Klassenzimmer im Freien

 

Auch für den Unterricht anderer Fächer wird der Garten gern genutzt. In Biologie beobachten die Schüler*innen die zahlreichen Pflanzen und Tiere, die mittlerweile dort leben. Aber auch Mathe-, Deutsch-, Religion- und Englischunterricht findet hier statt. „Im Sommer ist unser Schulgarten ein begehrter Platz, denn es ist hier viel angenehmer als in den Klassenzimmern“, weiß Judith Kappes, die seit drei Jahren Biologie und Physik an der Gemeinschaftsschule unterrichtet und verantwortlich für das Projekt Schulgarten ist. Sie beobachtet, dass die Sinneswahrnehmungen geschärft und die Schüler*innen mehr zur Ruhe kämen. Zudem würden die Kinder und Jugendlichen durch die Arbeit im Garten selbstständiger denken, bessere Lernergebnisse erzielen und verantwortungsbewusster handeln.

 

Dass das nicht nur leere Worte sind, zeigt sich während der Tour durch den Garten. Paul erzählt, dass sie im Herbst 2015 jede Menge Blumenzwiebeln – etwa 20.000 – auf dem Schulgelände gesetzt haben. „Achtlose Schüler sind einfach darüber getrampelt. Die haben wir darauf angesprochen, um sie zu stoppen“, sagt er mit Nachdruck. In jeder Pause sind die drei Jungen im Hortus Pagsis, was sie im Laufe der Jahre zusammengeschweißt hat. Ihnen tut es weh, wenn am Wochenende Jugendliche zum Vorglühen in den Garten eindringen und ihren Müll einfach liegenlassen.

 

Arbeit im Garten ist beliebt

 

Wie sehr die Schüler*innen auch die körperliche Arbeit im Garten schätzen, ist am angrenzenden Grundstück zu beobachten, wo Jungen und Mädchen in der Erde buddeln, um neue Beete anzulegen. „Bitte aufräumen“, ruft Kappes, worauf die Gruppe enttäuscht stöhnt. „Sehen Sie, das ist das Problem, vor dem wir stehen: Die Kinder wollen trotz der Kälte lieber draußen arbeiten, als drinnen zu lernen“, kommentiert Häffner die Situation schmunzelnd. Der Pädagoge stellt fest, dass sich die Schüler*innen bei der Gartenarbeit mehr und mehr öffnen und von sich erzählen – auch untereinander.

 

Hilft der Schulgarten, die Natur besser oder anders zu verstehen? Die Antwort geben die Jungen, als wir am Gartenteich stehen, den sie im Winter 2015 bei Eiseskälte angelegt haben. „Die Natur lebt von der Natur. Wir schaffen hier immer neue Lebensräume“, sagt Hendrik, der in der 8. Klasse ist. „Ich achte viel mehr auf Pflanzen und Tiere und wir kennen uns richtig gut aus“, ergänzt Julian. Frösche, Molche und Fische haben sich im Teich angesiedelt. Sogar die seltene Blaue Holzbiene haben sie hier schon beobachtet. Insektenhotels, die sie an unterschiedlichen Stellen im Garten platziert haben, bieten auch vielen anderen Insekten einen Unterschlupf.

 

Neue Lösungen suchen

 

Für die Lerngruppen, die im Garten arbeiten, gehört es selbstverständlich dazu, etwas anderes auszuprobieren, wenn etwas nicht funktioniert. Zum Beispiel ist die Wintergerste, die sie gesät hatten, in diesem Winter nichts geworden. „Die braucht Frost und den hatten wir nicht“, gibt Hendrik Auskunft. Also überlegen sie sich in diesem Jahr etwas anderes, was sie auf diesem kleinen Stück Erde säen können. So einfach ist das. 

 

Der Spaziergang endet bei den Hochbeeten, in denen im Frühjahr Erdbeeren, Zwiebeln und anderes Gemüse gepflanzt wird. „Für die Schulküche“, klärt Paul auf. „So wissen wir genau, woher unser Essen kommt.“ Wie Häffner wünschen sich die Jungen, dass der Garten niemals fertig sein wird. Vielmehr soll er, wie Häffner es formuliert, „ein ständiger Unruheherd sein, der uns zu immer neuen Forschungsaufgaben auffordert und zu immer neuen Gestaltungsmöglichkeiten inspiriert.“

 

Text: Andrea Toll

Fotos: Andreas Usenbenz